HR Today | 09/2007 | Text: Martin Winkel

Teure Anlagen sind kein Ersatz für verantwortliches Handeln

Der Automobilimporteur Amag setzt bei seinem Zentrallager in Buchs ZH auf modernste Sicherheitstechnik: Durch die Absenkung des Sauerstoffgehalts der Raumluft kann dort überhaupt kein Brand mehr entstehen.
Für die Mitarbeitenden und ihre Vorgesetzten bedeutet dies aber auch zusätzliche Verantwortung.

Es raubt einem fast den Atem, wenn man am Amag-Zentrallager Buchs das Innere des voll automatischen Kleinteilelagers betritt: Es ist laut, die Luft heiss und stickig, die Temperatur liegt konstant bei etwa 30 Grad. Der Lärm und die Hitze kommen von den Antriebsmotoren und Förderstrassen, doch niemand stört sich wirklich daran: Hier drinnen sind die Maschinen unter sich, erklärt Direktor Rudolf Bernhard. Er ist Leiter Teile und Zubehör (T+Z) bei der Amag Automobil- und Motoren AG und damit auch verantwortlich für das Zentrallager Buchs, an dem insgesamt rund 200 Mitarbeitende in den Bereichen Logistik und Transport arbeiten. Nur etwa 20 Leute müssen gelegentlich in der unwirtlichen Umgebung des Lagerinneren arbeiten, etwa bei Betriebsstörungen oder zur Wartung der voll automatisierten Technik. Seit einem Jahr sind diese Mitarbeitenden verpflichtet, einen höhenmedizinischen Test am Institut für Arbeitsmedizin (IFA) in Baden zu absolvieren. Denn in dem Lagerraum ist seit vergangenem September der Sauerstoffanteil in der Luft von normalerweise etwa 21 auf unter 14 Prozent reduziert. Darin zu arbeiten, ist etwa so belastend wie eine Bergtour am Jungfraujoch.

Die Wirkung ist beeindruckend: Hat man mit einer brennenden Kerze die Luftschleuse am Eingang passiert, verlischt die Flamme sofort. Unmöglich, ein Streichholz oder Feuerzeug anzuzünden. Schweissarbeiten lassen sich dennoch durchführen: Der zum Autogenschweissen nötige Sauerstoff wird wie üblich aus einer Druckflasche zugeführt. Doch sobald man das Ventil schliesst, ist die Flamme weg. Selbst wenn beim Schweissen aus Versehen Karton- oder Styroporverpackungen angezündet wurden, können diese nicht weiterbrennen. Um den Sauerstoffanteil zu reduzieren, wird von Kompressoren Stickstoff – mit 78 Prozent ohnehin Bestandteil der natürlichen Atmosphäre – in das Lager eingeblasen. Für ein Volumen von insgesamt 10000 Kubikmetern dauert das eine ganze Weile: Beim ersten Mal vergingen circa 16 Stunden, bis der Sauerstoffanteil nach Plan um ein Drittel abgesenkt war. Man kann also auch nicht kurzfristig die Normalatmosphäre wieder herstellen, um allfällige Servicearbeiten durchzuführen.

Als Technik der aktiven Brandvermeidung ist die Sauerstoffabsenkung effizient und sicher; sie schützt Menschen, Sachen und Umwelt weitaus besser als herkömmliche Verfahren mit Brandmeldern und Sprinkleranlagen. Letztere werden eben erst dann aktiv, wenn es schon raucht und brennt, ein Schaden also bereits eingetreten ist. Allerdings lässt sich die Technik der Sauerstoffabsenkung nur in dafür geeigneten Bereichen sinnvoll anwenden, schränkt der Brandschutz- und Sicherheitsexperte Bernhard Hautle ein: eben überall dort, wo wertvolle Güter vor Brand zu schützen sind, Menschen jedoch nur selten Zutritt haben müssen, sei dies wegen der Automatisierung – wie im Beispiel Amag oder auch in IT-Serverräumen – oder wegen der langfristigen Einlagerung – etwa in den Depots von Museen, Bibliotheken oder Galerien. Hautle hat nicht nur das Projekt beim Amag-Zentrallager Buchs angestossen und geplant: Der Ingenieur kennt die Sicherheitsproblematik seit nunmehr 20 Jahren unter den verschiedensten Aspekten, vom Rennsport über das Klettern und die Fliegerei bis zu Grossbauten wie dem Neuenburger Fussballtempel La Maladière. Hautle ist unter anderem Sicherheitsingenieur der Stadt Bern und engagiert sich mit seinem Know-how auch in Afrika und Asien.

«Es ist ein eigentlicher Wahnsinn, was wir in die Sicherheit investieren», sagt der Mann, der ständig darüber nachsinnt, wie man Risiken mit technischen Mitteln minimieren kann. Er sieht aber auch die Kehrseite: «Durch die fortschrittliche Technik verlernen die Leute mehr und mehr, eigenverantwortlich mit den Gefahren umzugehen», erklärt Hautle. «Schauen Sie sich einmal Elektroinstallationen in Süditalien an – meist eine Katastrophe! Aber dort hat es weniger Elektrounfälle pro Kopf und Jahr als hier. Warum? Weil die Leute dort noch wissen, dass Strom gefährlich ist!» Hautle plädiert daher nachdrücklich dafür, sich im Betrieb nicht bloss auf rein technische Vorkehrungen zu verlassen, sondern unbedingt das Personal umfassend zu schulen und über die jeweiligen Sicherheitsrisiken aufzuklären. Selbst das beste Sicherheitssystem könne schliesslich auch einmal ausfallen, und auch die Grenzen der Technik müssten den Mitarbeitenden klar sein. Der verantwortungsvolle Umgang mit Risiken müsse über den eigenen Arbeitsplatz hinaus reichen und ebenso die Kollegen mit einbeziehen. Und – dieses Thema liegt Hautle besonders am Herzen – diese Verantwortung müsse von den Vorgesetzten auch tatsächlich übernommen und vorgelebt werden: «Was nützt es, wenn der Mann an der Schleifmaschine seine Schutzbrille aufhat, aber der Chef mit einer Besuchergruppe ungeschützt direkt daneben vorbeispaziert?» Dass das individuelle Sicherheitsempfinden hier zu Lande immer mehr nachlässt, lässt sich laut Hautle nicht zuletzt an der steigenden Zahl der Nichtberufsunfälle ablesen.

Meist steht Wirtschaftlichkeit im Vordergrund, wenn es um die Einführung technischer Lösungen als Korrektiv zur Fehlerquelle Mensch geht – auch beim Amag-Zentrallager in Buchs ist das so. «Wir hatten bislang noch nie einen Brand. Aber selbst wenn nur ein Fehlalarm ausgelöst wurde oder die Sprinkleranlage durch Beschädigung losging, wurden auf einen Schlag grosse Teile des Lagerbestands unbrauchbar und es kam infolgedessen zu Verzögerungen in der Teileversorgung», erläutert Direktor Bernhard. «Diese Kosten können wir künftig einsparen.» Aber in Buchs ist auch der Schutz der Mitarbeitenden in der sauerstoffreduzierten Zone geregelt: Anforderungsprofil und Stellenbeschreibung der betreffenden Positionen fordern neben fachlicher Qualifikation eine erhöhte gesundheitliche Stabilität. Das Personalbüro als Aussenstelle der zentralen Amag-Personalabteilung achtet bei der Rekrutierung darauf, dass nur geeignete Kandidaten für die körperlich besonders anspruchsvolle Tätigkeit in Frage kommen. Die Suva hat ein spezielles Reglement für die Arbeit in sauerstoffarmer Umgebung festgelegt. So dürfen beispielsweise die Mitarbeitenden dort nur maximal sechs Stunden pro Tag arbeiten. Regelmässige Pausen an der frischen Luft sollen dafür sorgen, dass die schnellere Ermüdung und das Nachlassen der Konzentrationsfähigkeit ausgeglichen werden. Das elektronische Zutrittssystem sorgt schliesslich dafür, dass nur das dazu berechtigte Personal das Innere des Lagers betreten darf: die betriebseigene Störungsequipe sowie ein externes Wartungsteam, der Sicherheitsbeauftragte und die für den Betrieb verantwortlichen Vorgesetzten. Den zweistündigen Gesundheitstest am Institut für Arbeitssicherheit hat auch Direktor Bernhard absolviert – und bestanden.

Das System habe sich bis anhin bewährt, resümiert Bernhard nach dem ersten Betriebsjahr. Nur einmal sei einem Mechaniker «etwas schwindlig» geworden, aber das müsse nicht unbedingt am geringen Sauerstoffgehalt der Luft gelegen haben. So wird der Sauerstoffgehalt nach dem Kleinteilelager ab November auch im voll automatisierten neuen Hochregallager abgesenkt – einem Gebäude mit beeindruckenden Dimensionen: 90 Meter lang, 50 Meter breit, 30 Meter hoch. Zusammen mit weiteren Massnahmen im Zusammenhang mit dem Neu- und Umbau des Zentrallagers schätzt Bernhard die Gesamtkosten für die Erhöhung der Sicherheit auf 8 bis 10 Millionen Franken. In Relation zu den möglichen Millionenschäden und den Gefahren für Mitarbeitende sowie Feuerwehr- und Rettungskräfte bei einem Grossbrand ist dies eine durchaus sinnvolle Investition.

 
 
 

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