HR Today | 09/2007 | Text: Cuno Künzler
In vielen Unternehmen – wie Spitälern, Chemie- oder Bahnunternehmen, Kernkraftwerken oder Banken – wird heute häufig von Sicherheitskultur gesprochen und eine gelebte Sicherheitskultur weiterentwickelt. Grundlegend dabei ist, dass alle in einem Unternehmen tätigen Personen, aber auch die entsprechenden Aufsichtsbehörden, Politiker oder Berater den Wert Sicherheit mit demjenigen der Produktion mindestens gleich gewichten. Sonst ist keine hohe Sicherheitsleistung über einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten. Kritisch stellt sich die Frage nach dem Menschenbild, das dahintersteht: Werden die Menschen eher als abzusichernde Risikofaktoren betrachtet oder eher als diejenigen, die Sicherheit fördern und längerfristig erst ermöglichen?
Menschen als Risikofaktoren – Aus welchen Gründen auch immer wird in Unternehmen sehr oft dieser Ansatz zur Förderung von Sicherheit gewählt und dementsprechend in die Erarbeitung von verbesserten Regeln, von präziseren Vorschriften und neuen Kontrollinstrumenten investiert. Wie bei der Kindererziehung wird erst eindeutig und klar reagiert, nachdem etwas geschehen ist («Ich habe es dir doch immer gesagt … Ich will, dass du von nun an nur noch …»). Auch viele theoretische Ansätze von Sicherheitskultur atmen diesen Geist der Absicherung. Je grösser die Gefahren, desto eher neigen wir dazu, die betroffenen Menschen in ein zunehmend engeres Korsett von Vorschriften und Regeln einzubinden. Und wir hoffen damit – zunächst nicht zu Unrecht –, dass die Zuverlässigkeit der Abläufe zunimmt. Ausserdem ist es scheinbar pragmatischer, jedenfalls besser nachweisbar und oft auch profitabler für die verantwortlichen Manager oder Berater, eine neue Vorschrift oder einen Kontrollmechanismus vorweisen zu können. Gleichzeitig – und dies zeigen viele detaillierte Analysen von Unfallursachen – schützt uns diese Haltung nicht vor weiteren Unfällen. Auch in gut abgesicherten Unternehmen kommt es immer wieder zu schweren Unfällen. Der Versuch, den «Risikofaktor Mensch» ganz zu eliminieren, gelingt also nicht vollständig.
Menschen als Förderer von Sicherheit – Deshalb müssen meines Erachtens Vorgehensweisen erarbeitet werden, die unter Mitarbeit der Personen «vor Ort» akzeptierte und umsetzbare Vorschriften oder Abläufe schaffen. Damit ist gleichzeitig auch die Entwicklung von involvierten und selbstsicheren Berufsleuten garantiert. Solch kompetente Mitarbeitende lassen sich nicht allzu gerne in ein enges Regel- und Vorschriftenkorsett zwängen, ausser sie sehen die Notwendigkeit dazu. Eine von allen gelebte Sicherheitskultur besteht also nicht nur aus einer schönen Hochglanzbroschüre.
Um Menschen von Risikofaktoren zu Förderern von Sicherheit weiterzuentwickeln, benötigen Organisationen also ein entsprechendes Konzept der Führungs- und der Personalentwicklung. Ein solches darf nicht der Absicherung dienen, sondern muss auch Veränderung und Innovation zulassen und fördern. In seinem kürzlich zum Thema Sicherheitskultur und Führung gehaltenen Vortrag in Zürich hat Edgar Schein, ein emeritierter Organisationspsychologe des MIT, aufgezeigt, dass Unternehmen Vorgesetzte benötigen, die unter anderem den kreativen Instinkt von Künstlern haben. Wir benötigen also auch in risikoreichen Unternehmen kreative und innovative Change Leaders. Deren Förderung ist sicher auch eine wichtige Aufgabe für HR-Leute, die in der Führungsausbildung aktiv sind.