HR Today | 10/2005 | Text: Marianne Rupp
Arbeitsunfähig, familienuntauglich und ohne Selbstwertgefühl – ein Burn-out kann weit reichende Konsequenzen für indirekt und direkt Betroffene haben. Für sie ist es oft mit schmerzenden Selbsterkenntnissen verbunden. Ein Burn-out zu überwinden bedeutet auch, seine Lebenseinstellungen zu hinterfragen. Ein Erlebnisbericht.
«Meine Sinnkrise begann im Jahr 1993. Ich war damals beruflich unglaublich stark als Profitcenter-Leiter einer grossen Beratungsgesellschaft engagiert, zusätzlich arbeitete ich noch publizistisch», erzählt A.Klaus (richtiger Name der Redaktion bekannt). Damals bemerkte der heute 53-Jährige erstmals so etwas wie eine Leere: «Plötzlich fragte ich mich, wozu ich das alles überhaupt mache.»
Das Burn-out kam schleichend und gipfelte im Arbeitsverbot, das Klaus im Jahr 1999 von seinem Arbeitgeber erhielt.
A.Klaus war in seiner internationalen Beratungstätigkeit als Fachexperte sehr gefragt. Bei seiner technisch ausgerichteten Arbeit war jedoch der Verstand im Vordergrund, Gefühle und Intuition waren weniger gefragt. «Einen Teil meiner Persönlichkeit musste ich also konstant unterdrücken», weiss Klaus heute.
Die Krise, von Klaus als Leere empfunden, verstärkte sich, als man im Geschäft mit immer grösseren Forderungen an ihn herantrat: «Meine Einheit produzierte sehr gute Resultate, und es wurde immer mehr verlangt. Wie sollte ich jedes Jahr den Umsatz markant steigern können – in einer Zeit, in der auf dem Markt nicht genügend Spezialisten zu finden waren.» Pflichtbewusst versuchte Klaus dennoch die Forderungen zu erfüllen, ohne auf seine eigenen Bedürfnisse zu achten. Die Angst, nicht zu genügen, war gross. Er bezahlte Pflichtbewusstsein und Perfektionismus mit seiner Gesundheit: Er, der früher niemals weder ein Motivations- noch ein Gesundheitsprobleme hatte, kämpfte nun mit extremen Schlafstörungen, bekam Atem- und Herzprobleme. Der Hausarzt verschrieb ihm Psychopharmaka.
Für A.Klaus, der bisher alles mit seinem eigenen Willen kontrollieren konnte, bedeuteten diese Medikamente bereits die erste Niederlage. Auch beruflich ging es zunehmend bergab: «Ich war den Belastungen nicht mehr gewachsen, meine Arbeitsproduktivität sank rapide, ich vergass und verlor Dinge, war unkonzentriert. Bald sass ich nur noch verzweifelt in meinem Büro und suchte nach einem besseren Befinden, ohne fähig zu sein, überhaupt zu arbeiten. Zudem plagten mich enorme Schuldgefühle, weil ich früher so viel leisten konnte – und nun ging es einfach nicht mehr.» Die engsten Mitarbeitenden von A.Klaus sahen seinen Zustand und halfen ihm – «wir hatten immer ein sehr offenes und freundschaftliches Verhältnis» – in der ersten Zeit über die Schwierigkeiten hinweg. Die Situation spitzte sich jedoch zu und endete in einer Sitzung, bei der Klaus sich nicht mehr artikulieren konnte und nur noch vor sich hin stammelte.
Bereits mitten in einem Burn-out, fand A.Klaus auch privat keinen Rückhalt mehr: «Bei Tisch, wenn meine Frau mit den beiden Kindern diskutierte, sass ich wie unter einer Käseglocke. Ich war nicht mehr fähig, meine Umwelt richtig wahrzunehmen.» Zudem wurde Klaus auch im privaten Bereich von Schuldgefühlen geplagt, schliesslich war er beruflich viel unterwegs und zu sehr engagiert, als dass er seiner Frau – auch berufstätig – bei der Erziehungsarbeit hätte unterstützen können. Diese Schuldgefühle führten dazu, dass er seine eigenen Bedürfnisse immer mehr zurückstellte beziehungsweise gar nicht mehr berücksichtigte. «Es kam so weit, dass ich in meiner Freizeit überhaupt nichts mehr mit mir anzufangen wusste. Zu lange hatte ich mich nur über meine Arbeit definiert. Wenn meine Frau mit einer Freundin shoppen ging, anstatt die Zeit mit mir zu verbringen, war das für mich wie ein kleiner Weltuntergang.»
Um seine Balance wiederzufinden, hat Klaus einige Auswege in Betracht gezogen, etwa einen Aufenthalt in einem Kloster oder Kurse für die Persönlichkeitsentwicklung. Zu diesem Zeitpunkt war sein Burn-out jedoch bereits zu weit vorgeschritten – A.Klaus konnte sich zu keiner Massnahme mehr aufraffen. Er brauchte den Anstoss von aussen: «Meine Frau sagte mir, ich sei in dieser Verfassung für die Familie nicht mehr tragbar. Mein Chef auferlegte mir ein Arbeitsverbot.» Es waren diese auf den ersten Blick harten Worte und Taten, die es dem Kranken schliesslich ermöglichten, den richtigen Weg zu gehen und die Krise zu überwinden.
In einer psychosomatischen Klinik fand A.Klaus zu sich selber. Doch zuvor kam der totale Zusammenbruch: «Mit einem Selbstwertgefühl auf dem Nullpunkt, depressiv und mit Selbstmordgedanken habe ich in der Klinik kapituliert – kapituliert vor meinen hohen Erwartungen an mich selbst, den Ängsten und den Mustern, nach denen ich bisher gelebt habe.»
In der sechswöchigen Therapie lernte A.Klaus sich selber wieder spüren, er konnte ein gutes Selbstwertgefühl entwickeln und erkannte, wieso er in das Burn-out hineingeschlittert war. «Ich habe immer sehr stromlinienförmig gelebt. Schon als Kind war ich angepasst und machte, was man von mir verlangte – oder was ich glaubte, dass von mir verlangt wurde. Es war eine Art Schicksalsergebenheit gepaart mit dem Willen, alles perfekt machen zu wollen. Diese beiden Muster lebte ich später sowohl beruflich wie auch privat weiter. Zudem habe ich die Verantwortung für alle anderen sehr stark wahrgenommen – nur die Selbstverantwortung, auch die Fähigkeit, eigene Bedürfnisse zu artikulieren oder sogar zu leben, war mir total abhanden gekommen. Schuldgefühle, beruflich nicht genug zu leisten, privat als Vater und Ehemann nicht zu genügen, mischten sich mit starker Harmoniesucht. Diese verunmöglichte es mir, einmal auf den Tisch zu hauen und eine Auseinandersetzung zuzulassen.» Das Erkennen dieser Muster und die Bereitschaft, sie durch neue, bessere Lebenseinstellungen zu ersetzen, haben es ermöglicht, dass A.Klaus wieder in die Arbeitswelt und zu seiner Familie zurückkehren konnte.
Kurz nachdem A.Klaus aus der Klinik zurückkam, wurde ihm firmenintern eine Aufgabe angeboten, die neben dem fachtechnischen Wissen vermehrt auch menschliche Fähigkeiten verlangte. In dieser neuen Funktion war er beruflich viel unterwegs. Auf seinen Reisen nahm er sich die Zeit, seine eigenen Bedürfnisse zu erfüllen – ohne Schuldgefühle. «Einmal verweilte ich für ein paar Tage an einer amerikanischen Universität. Das war ein lang gehegter Traum von mir – ihn zu verwirklichen, tat mir unglaublich gut.»
Später konnte sich Klaus dank entsprechenden Weiterbildungen selbständig machen. Heute ist er vorwiegend für Familienunternehmen tätig, dort wo «es um die gesamte Palette menschlichen Arbeitens und Fühlens geht». Auch das Verhältnis zu seiner Frau und seinen Kindern hat sich normalisiert. Zudem ist es kein Problem mehr, seine Freizeit sinnvoll auszufüllen – auch alleine.
«Das Burn-out hat bei mir zu einem Entwicklungsprozess geführt, dem ich es zu verdanken habe, dass ich mich heute mit 53 Jahren endlich wohl fühle in meiner Haut», sagt A.Klaus. «Es war eine schmerzliche Erfahrung mit vielen Irrwegen, aber vom heutigen Standpunkt aus kann ich sagen, dass ich dank dem Burn-out viel gelernt habe.»