HR Today | 09/2005 | Text: Marianne Rupp
Pünktlichkeit, Abfallsackgebühren und Präzisionsgeist – wer als Expatriate in die Schweiz kommt, staunt über manche typische Schweizer Gepflogenheit. Sandra Schärer hilft im Auftrag von HR-Verantwortlichen den ausländischen Gästen und Mitarbeitenden, die Schweiz und ihre Einwohner besser zu verstehen.
Sie liebt fremde Kulturen, unterschiedliche Mentalitäten und reist leidenschaftlich gerne – mit ihren 35 Jahren hat sie bereits über 40 Länder besucht. Sandra Schärer lebte und arbeitete auch als Expat während zweieinhalb Jahren in Paris. Dort hat sie am eigenen Leib erfahren, mit welchen Schwierigkeiten ausländische Mitarbeitende konfrontiert sind. «Ich musste mich zuerst an den eher hierarchischen Führungsstil der Franzosen gewöhnen», ist eine ihrer beruflichen Erfahrungen. Doch auch ganz alltägliche Dinge, wie etwa ein Bankkonto eröffnen, können in einem fremden Land – «auch wenn es nur das Nachbarland ist» – etlichen Aufwand bedeuten. Sandra Schärer wurde bewusst, dass auch Expats, die in die Schweiz kommen, mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben und um Integ-rationshilfe froh sein dürften. «Nach meiner Rückkehr in die Schweiz suchte ich mir einen Job, bei dem ich den Expats in der Schweiz helfen und gleichzeitig meine andere Leidenschaft, das Reisen und den Umgang mit Menschen, auseben kann.» So kam Sandra Schärer – nach längerer Marktanalyse – auf die Idee, Touren durch die Schweiz für Expats, ausländische VIP-Gäste von Unternehmen und auch für Touristen zu organisieren. Im Jahr 2000 gründete sie das Ein-Frau-Reiseunternehmen Simply Switzerland und reist seither mit maximal zwölf Teilnehmern in ihrem Mercedes-Sprinter-Kleinbus quer durch die Schweiz. Sind es weniger Leute, die aber höhere Ansprüchen haben, benutzt sie den Mercedes ML 4x4 mit Lederinterieur.
Für Expats hat Schärer ein spezielles Vier-Tages-Programm entwickelt: Es soll den Teilnehmenden die Schweizer Kultur, die alltäglichen Gepflogenheiten und die unterschiedlichen Regionen näher bringen. Diese so genannte Integrationstour besteht aus drei Reisetagen und einem Trainingstag. «Ich habe bewusst drei Reise-tage ausgewählt: Sie entsprechen den drei Regionen Deutschschweiz, Welschland und Tessin.»
Schärer verbindet die drei Landesteile auf der Tour so miteinander, dass die Expats ein Gefühl dafür bekommen, wie gross die Vielfalt in der eher kleinen Schweiz ist, sowohl landschaftlich – vom schneebedeckten Pass ist es nicht weit zu den palmengesäumten Promenaden – wie auch von der Mentalität der Einwohner. Zudem bekommen die Teilnehmer einen guten Eindruck, wie alte Traditionen, unterschiedliche Dialekte und auch die Natur in der doch relativ dicht bevölkerten Schweiz so gut erhalten bleiben konnten.
«Mir ist wichtig, die Expats mit Schweizern zusammenzubringen», sagt die Gründerin von Simply Switzerland. Im Verzascatal muss der Hotelbesitzer ein Tessiner sein, der Bergführer zum Aletschgletscher ist ein urchiger Walliser, und wenn sie mit ihren Tourteilnehmern Wein degustiert, so ist es bei einer Familie, die seit Generationen Wein produziert. «Auf diese Weise kommen die ausländischen Gäste in Kontakt mit Einheimischen und erfahren etwas über ihre Familie und ihre Lebensweise.» Damit auch der Gaumen die regionalen Unterschiede zu spüren bekommt, wird je nachdem Raclette, eine Walliser Platte oder Risotto mit Saltimbocca gegessen. Sandra Schärer hat keine Bedenken, dass sie mit einer solchen Reise gewisse Klischees verstärkt, im Gegenteil: «Die Klischees von Bergen, Schoggi, Käse, Uhren sind eine Tatsache, sie werden durchaus gelebt, und ich bin stolz, kann ich sie meinen Kunden zeigen.»
Schärer ist überzeugt, dass ein Expat, der die unterschiedlichen Landesteile selber sieht und mit den regionalen Traditionen konfrontiert wird, ein besseres Gespür dafür bekommt, was «Schweiz» eigentlich bedeutet, und sich daher viel schneller integrieren kann. «Es gibt viele Unternehmen, die Kurse für Expats anbieten. Diese finden in einem Seminarraum statt, und den Teilnehmern wird theoretisch vermittelt, wie die Schweiz und die Schweizer funktionieren. Ich hingegen verschaffe den Expats den Kontakt mit der Bevölkerung und versuche, ihnen die Schweiz über die Sinne näher zu bringen, sei das nun über den Gaumen oder über die physische Anstrengung, wenn sie einen Berg erklimmen.»
Ganz ohne theoretische Vermittlung kommt jedoch auch die Integrationstour nicht aus: Einer der vier Tage des Programms besteht daher aus einem Cross Cultural Training. An diesem Tag, der in einem Hotel unterwegs stattfindet, werden die Teilnehmer mit ganz konkreten Alltagssituationen bekannt gemacht und können ihre Fragen stellen. Simply Switzerland organisiert das Cross Cultural Training in Zusammenarbeit mit der Sprachschule Berlitz: «Ich arbeite mit Berlitz zusammen, weil sie im Bereich Cross Cultural Training über langjährige Erfahrungen verfügen», erklärt Schärer. Beim eintägigen Training lernen die Expats beispielsweise, wie man sich bei einer Einladung verhalten muss. Wird der Expat von einem Schweizer eingeladen – «was bei den eher zurückhaltenden Schweizern schon ein grosser Schritt ist» –, sollte er dem Gastgeber ein Geschenk mitbringen und pünktlich erscheinen. Ein Thema sei auch immer das Weintrinken: «Der Engländer etwa muss lernen, dass man nicht das Glas nimmt und trinkt, sondern dass es hier üblich ist, sich zuzuprosten und dabei dem Gegenüber in die Augen zu schauen und seinen Namen zu sagen», erläutert Schärer. Beim Cross Cultural Training wird auch darüber gesprochen, wann es angebracht ist, jemanden mit einem Händedruck oder einer Umarmung zu begrüssen, wann man jemanden duzen sollte oder wieso in der Schweiz für den Abfall bezahlt wird. «Die Abfallsackgebühren sind für viele Ausländer etwas ziemlich Absurdes», erzählt Schärer. «Viele fragen sich, wieso sie für ihren Abfall auch noch bezahlen müssen. Genauso staunen sie über die Vielfalt des Recyclings.»
Viele Dinge, die im trockenen Training erklärt werden, haben die Teilnehmer en route während der Tour erlebt. «Sie verstehen daher viel besser, wovon man redet, weil sie es mit eigenen Augen gesehen oder am eigenen Leib erfahren haben.» So wundern sich Amerikanerinnen immer wieder, dass die Kinder mit ihrem Leuchtdreieck alleine in den Kindergarten gehen können und nicht hingefahren und auch wieder abgeholt werden müssen. Auch die Pünktlichkeit der öffentlichen Verkehrsmittel rufe immer wieder Erstaunen hervor. «Viele amüsieren sich nicht schlecht, wenn bereits eine Verspätung von zwei Minuten ausgerufen wird», weiss Schärer.
Am Trainingstag ist auch die Sprache immer wieder ein Thema: Sollen Expats Hochdeutsch oder Schweizerdeutsch lernen? «Bei einem kurzen Aufenthalt von zwei bis drei Jahren empfehle ich Hochdeutsch», sagt Schärer. «Diese Sprache kann auch in anderen Ländern wieder angewandt werden. Wer länger bleibt, der sollte auf jeden Fall Schweizerdeutsch lernen. Der Dialekt ist durchaus ein Türöffner für Land und Leute.» Schärer erinnert sich jedoch auch an Expats, die es gar nicht für nötig hielten, überhaupt eine andere Sprache zu lernen: Englisch wird ja auch in der Schweiz meistens verstanden. «Solche Leute sind erstaunt, wenn sie nicht überall mit offenen Armen empfangen werden. Wer in ein fremdes Land geht und denkt, alle haben nur auf ihn gewartet, der täuscht sich gewaltig. Sich in einem anderen Land zu integrieren, sich wohl zu fühlen, das ist harte Arbeit. Wer sich bemüht, der hat viele Möglichkeiten: vom Kochkurs über Vereine – die Kenntnis einer Landessprache ist jedoch eine wichtige Voraussetzung für eine gute Integration.»
Im Cross Cultural Training erfahren die Teilnehmenden nicht nur etwas über die Schweizer Eigenarten und Traditionen, sondern es wird unter anderem auch über Geschichte, Politik, Religion, Schulsysteme oder Zahlungssysteme gesprochen.
«Manchmal erstaunt es mich, wie gut vorbereitet die Expats hierher kommen», sagt Sandra Schärer. «Sie haben Bücher gelesen, wie ‹Working and Living in Switzerland› oder sich bereits bei einem der zahlreichen Expatsclubs angemeldet. Dann gibt es aber auch jene, die so schnell von ihrem Arbeitgeber transferiert wurden, dass sie gar keine Zeit fanden, sich mit der Schweiz zu beschäftigen.»
Je nach Unternehmen wird den Expats mehr oder weniger geholfen: «Es gibt Firmen – meis-tens sind es kleinere –, die dem neuen Mitarbeitenden nur den Arbeitsvertrag geben und ihm sonst keine Hilfe anbieten», weiss Schärer. Bei internationalen Konzernen hingegen wird für die ausländische Arbeitskraft fast alles organisiert, vom eigentlichen Transfer über die Wohnungssuche bis zur Auswahl der Schule für die Kinder. «Wenn die Leute jedoch in der Schweiz sind und ihre Arbeit aufgenommen haben, endet die Betreuung», kritisiert Schärer. «Die Personalmanager sollten ihren Expats in der ersten Phase mehr Unterstützung anbieten. Immerhin lösen, je nach Studie, zwischen 8 und 15 Prozent der Expats ihren Vertrag wieder auf. Nicht selten ist das darauf zurückzuführen, dass sie sich sozial nicht integrieren können oder bei der Jobbeschreibung Dinge versprochen wurden, die nicht eingehalten werden.» Schärer versucht, wenigstens das erste Defizit mit ihrer Tour abzuschwächen: Die Teilnehmer der Integrationstour treffen Leute, die sich in einer ähnlichen Situation befinden und mit denen sie teilweise in Kontakt bleiben. Zudem gibt Schärer ihnen wertvolle Tipps, wie und wo sie sich am besten sozial vernetzen können. Auch bei beruflichen Problemen kann sie mit Ratschlägen weiterhelfen: «Ich betreute einen Italiener, der chronisch unpünktlich und unvorbereitet zu Sitzungen ging. Diesen Leuten muss man erklären, worauf Schweizer Wert legen und wie wichtig es ist, dass sie sich in solchen Punkten anpassen.»
Simply Switzerland bietet nicht nur Integrationstouren an vordefinierten Daten oder auf Anfrage an. Auch die individuelle Betreuung von VIP-Gästen der Unternehmen oder ihrer Ehepartner ist eine Aufgabe, die Sandra Schärer übernimmt. «Ich hatte den Auftrag, eine Gruppe Iraner während drei Tagen die Schweiz zu zeigen», erinnert sie sich. Sie waren im Rahmen eines Projekts der ABB in die Schweiz gekommen. Schärer stellte also ein schönes Reiseprogramm zusammen, das den Iranern etliche Facetten der Schweiz zeigen sollte. «Ich merkte jedoch bald, dass die Herren nicht herumreisen wollten – sie wollten shoppen! Jeder von ihnen hatte eine lange Liste dabei, auf der notiert war, was sie ihren zahlreichen Verwandten nach Hause bringen sollten.» So begleitete Schärer die Iraner in Bern auf ihren Einkaufstouren. «Sie kauften vor allem Kleider mit europäischem Label und Schokolade. Etliche wollten auch sexy Unterwäsche für ihre Frauen und Kosmetika. Gerade bei diesen Artikeln waren sie froh um meine Hilfe und Beratung», sagt Sandra Schärer lachend.