HR Today | 05/2006 | Text: Marianne Rupp
Sie ist jung, ehrgeizig und hat schon viel erreicht. Madeleine Burgener leitet das Schweizer HR-Team des französischen Autokonzerns Renault Nissan und gehört als einzige Frau der Geschäftsleitung in der Schweiz an. Wie sie zu ihrer Karriere steht und was sie über die Rollenverteilung denkt, hat sie HR Today erzählt.
HR Today: War es Ihr Ziel, Karriere zu machen?
Madeleine Burgener: Nein. Ich glaube, Frauen haben generell nicht dasselbe zielgerichtete Karrieredenken wie Männer. Ich beispielsweise verfolgte nie die konkrete Absicht, Geschäftsleitungsmitglied bei einer Firma zu werden. Meine Motivation war anderer Natur: Ich will eine Arbeit haben, bei der ich etwas bewegen kann. Ich wollte nie nur Aufgaben erfüllen, sondern mich aktiv einbringen, eine andere Optik aufzeigen können, etwas bewirken, und zwar bei einem Arbeitgeber, der mich res-pektiert und dem meine Meinung wichtig ist. Eine solche Arbeit beinhaltet für mich Herausforderung und Spass. Diese Kriterien sind mir wichtiger als das Ziel, an oberster Spitze zu landen.
Die traditionelle Rollenverteilung scheint immer noch tief verankert, liegt das auch an der Erziehung? Wie wurden Sie erzogen?
Ich bin im Wallis in einem Bergdorf ganz traditionell aufgewachsen – meine Erziehung ist also eher das Gegenteil von dem, was man bei meiner Laufbahn vermuten würde. Ich denke, das herkömmliche Rollenverständnis ist weniger die Folge der Erziehung als der Mangel an Vorbildern. Es gibt noch zu wenige erfolgreiche und glückliche Frauen, an denen wir uns orientieren können. Zwar gibt es in der Generation unserer Mütter auch berufstätige Frauen, viele von ihnen betrachten die bezahlte Arbeit jedoch als Ausgleich zur Familienarbeit und nicht als eigenständige, ambitionierte Karriere.
Sie haben als Projektleiterin auch im Ausland gearbeitet – wie sieht dort die Situation aus?
In Österreich und Frankreich sind die Infrastrukturen wie beispielsweise Tagesstätten viel besser entwickelt. Das fördert natürlich die Berufstätigkeit der Frauen. Zudem haben die Frauen nach einem Erziehungsurlaub das Recht auf einen Arbeitsplatz. In der Schweiz kenne ich nach wie vor Beispiele von Arbeitgebern, vor allem in kleineren Unternehmen, die einer schwangeren Mitarbeiterin eine Abfindung zahlen, wenn sie dafür kündigt.
In den beiden Nachbarländern ist es ganz normal, dass Frauen, auch mit Kindern, in höheren Positionen arbeiten. In diesen Ländern ist unser Gesprächsthema gar keine Thematik mehr, sondern eine gelebte Selbstverständlichkeit. So ist etwa der oberste Posten im Bereich Verkauf Europa in unserem internationalen Autokonzern von einer Frau besetzt. Ich habe immer in so genannt männlichen Domänen wie Technolgie- und Industriekonzernen gearbeitet, und schon dort gab es im Ausland viele Frauen in führenden Positionen. Nur hier in der Schweiz sind wir leider noch weit davon entfernt.
Wurden Sie zu Ihrer eigenen Familienplanung befragt, als man Sie eingestellt hat?
Man hat mich gefragt, ob ich Kinder habe. Als ich verneinte, wollte man aber nicht mehr wissen. Für die Franzosen ist es selbstverständlich, dass eine Frau auch nach einer Geburt wieder arbeitet. Und auch für mich ist es klar, dass ich auch mit Kindern weiterarbeiten und der Partner seinen Teil an der Verantwortung übernehmen würde.
Wenn Sie selber Frauen rekrutieren, spielt der Gedanke an eine mögliche Schwangerschaft eine Rolle?
Ehrlich gesagt ja. Die Ressourcen werden heute knapp kalkuliert, und das setzt einem unter Druck. Bei kleinen Teams und hohen Arbeitspensen stellt sich unweigerlich die Frage, ob das Arbeitsvolumen der abwesenden Kollegin sinnvoll auf die anderen Mitarbeitenden umorganisiert werden könnte. Und zwar manchmal nicht nur während des Mutterschaftsurlaubes, sondern bereits Monate vor der Geburt, falls die schwangere Frau aufgrund gesundheitlicher Beschwerden ausfällt.
Wenn Sie sich als Frau solche Überlegungen machen, werden das ihre männlichen Kollegen wohl erst recht tun!
Wahrscheinlich schon. Es sind jedoch negative Erfahrungen, die mir die Notwendigkeit solcher Überlegungen aufgezeigt haben. Ich habe schon Frauen rekrutiert, die einige Tage nach ihrer Einstellung verkündet haben, dass sie im dritten Monat schwanger sind. Ein solches Verhalten verletzt mich nicht nur, insbesondere, weil ich anderen Frauen eine Chance geben möchte, sondern hat mich auch sensibilisiert. Denn es sind die Kollegen und Kolleginnen, welche die Konsequenzen tragen müssen.
Wie können Sie es trotzdem verantworten, Frauen einzustellen?
Wenn ich eine Frau einstellen möchte, weil sie wirklich gut ist, überzeugt und ins Team passen würde, spreche ich offen mit dem betreffenden Team. So habe ich es auch bei unserem HR-Team gemacht, wo bei meinem Arbeitsbeginn noch zwei weitere Stellen vakant waren. Wir sind nun ein fünfköpfiges Frauenteam, bei dem jede einzelne Frau morgen schwanger werden könnte. Wir sind uns des Risikos bewusst – und wir sind es auch bewusst eingegangen, weil wir überzeugt sind, dass wir es managen können.
Müssen Sie als Frau in Ihrer Führungsposition mehr auf Ihr Auftreten achten?
Ein Mann in einer vergleichbaren Position kommt auch nicht in Bermudas und Sandalen zur Arbeit, genauso trage ich keine Miniröcke oder tiefe Ausschnitte. Es sind die kleinen Finessen, die beachtet werden müssen, aber das ist für die Männer genauso schwierig wie für die Frauen. Wenn ich beispielsweise zu seriös auftrete, heisst es schnell, ich hätte das Lachen verlernt. Die Kompetenzen mit einer Portion Charme zu vermitteln – das ist eine wirkliche Herausforderung.
Sie sind in der Geschäftsleitung die einzige Frau, mussten Sie zuerst gegen Vorurteile kämpfen?
Nein. Wer seinen Job gut macht und die der Funktion entsprechende Leistung bringt, wird akzeptiert – egal ob Mann oder Frau.
Wäre es wünschenswert, wenn mehr Frauen in der GL wären?
Die Welt steht heute den Frauen ebenso offen wie den Männern. Sie können die gleichen Schulen absolvieren, sie haben auf dem Arbeitsmarkt dieselben Chancen. Die meisten Unternehmen machen heute keinen Unterschied mehr, ob die Funktion von einer Frau oder einem Mann besetzt ist, es zählen Leistung, Engagement und Investment.
Frauen haben heute die Möglichkeit, das zu erreichen, was sie wollen. Dieselben Möglichkeiten bedingen jedoch auch dieselben Anforderungen. In unserer Gesellschaft ist es leider noch nicht selbstverständlich, dass auch eine Frau für eine gewisse Zeit während 15 Stunden pro Tag arbeitet und bereit ist, das Privatleben auf ein Minimum zu reduzieren. Es gibt nach wie vor Menschen in unserem Land, für die ist es schwer verständlich, dass Arbeit und Verantwortung auch Spass machen können.