HR Today | 05/2006 | Text: Peter Stöckling
Die beiden Schwestern Karin (CEO und VR-Delegierte) und Annette (VR-Präsidentin) führen die Lenzlinger Söhne AG in Uster gemeinsam, seit sich ihr Vater vor einem Jahr ganz zurückgezogen hat. Ihre berufliche Laufbahn haben sie nicht von Anfang an aufs familieneigene Metall- und Holzbau-Unternehmen ausgerichtet.
Die Familienlösung habe sich im Laufe eines nicht immer reibungslosen, alles in allem aber harmonischen und von allen Beteiligten getragenen Prozesses abgezeichnet, betont Karin. Einen wichtigen Platz nahm die Firma im Familienleben schon immer ein. Zuerst nahm der Vater seine Kinder mit auf die sonntäglichen Rundgänge durch den damals noch bescheidenen Betrieb, später besprach er unternehmerische Entscheide im familieninternen Beirat, schliesslich wurden die Töchter VR-Mitglieder. Und seit dem Rückzug des Patrons vor einem Jahr tragen sie die volle Verantwortung.
In dieser Chronologie der reinen Fakten taucht der Bruder Jörg Lenzlinger nicht auf, obwohl auch er in den Prozess eingebunden war. Annette Lenzlinger erklärt weshalb: «Jörg hat zwar die Lehre im Betrieb gemacht. Er war schon damals sehr kreativ und hat sich sehr früh für einen ganz anderen Weg entschieden – für die Kunst. Vater hat, auch wenn er vielleicht einmal andere Ideen hatte, sehr rasch gesehen, dass es so richtig war.» Jörg Lenzlinger hat sich inzwischen zusammen mit Gerda Steiner einen festen Platz in der Kunstszene gesichert, namentlich mit den Installationen «Fallender Garten» an der Biennale 2003 in Venedig oder «Seelenwärmer» in der St.Galler Stiftsbibliothek (2005).
Einen durchaus anderen Weg hätten sich auch die beiden Töchter für sich vorstellen können. Annette hat als Juristin doktoriert und ist selbständig tätig. Ihre Funktion in der Firma beschreibt die VR-Präsidentin eher tiefstapelnd: Sie arbeite einen Tag pro Woche fest für die Firma und verkörpere so etwas wie die «hausinterne Rechtsabteilung».
Schwester Karin, die die operative Leitung innehat, war in ihrem ersten Beruf als Lehrerin noch weiter vom Unternehmertum entfernt. Und: «Das Ökonomiestudium habe ich dann nicht im Blick auf die Firma gemacht, sondern weil ich mich im Lehrberuf zu stark eingeengt fühlte. Nach meiner Dissertation hätte ich gerne noch andere Erfahrungen gemacht.»
Dann ging die Initiative also vom Vater aus? «Ja, er hat sich – immer auch unterstützt von Mutter – schon früh und auch sehr weitsichtig mit der Nachfolge befasst. Einerseits wollte er sich zwar mit 65 zurückziehen, gleichzeitig aber auch das Unternehmen sichern», sagen die beiden Schwestern übereinstimmend. Dabei seien verschiedene Optionen geprüft worden. «Dass er es uns nicht zugetraut hätte? Nein, das war nie ein Thema», erklärt Karin ganz bestimmt, «es war vielmehr so, dass wir uns auf die neue Situation einstellen mussten.»
Das haben die beiden auch nie bereut – nicht nur, weil das Unternehmen sehr gut läuft: «Die Leute kannten uns ja und wussten, dass wir einen anderen Führungsstil pflegen als Vater, der ein typischer Patron war. Für ihn war das Geschäft aber stets auch die Menschen, die hier arbeiten. Dieses Engagement hat auch für uns sehr hohe Priorität.» Für die Akzeptanz gegen aussen sei es zweifellos ein Vorteil, dass sie den Namen Lenzlinger tragen: «Da wissen Kunden und Geschäftspartner auf Anhieb, mit wem sie es zu tun haben», erklärt Karin Lenzlinger Diedenhofen.
Sie ist also ebenso wenig wie ihre Schwester Annette Lenzlinger Vandebroek «mit dem Geschäft verheiratet». Die Unternehmerinnen haben auch zwei (Karin) und drei (Annette) Kinder – aber das wäre ein anderes Kapitel aus der Lenzlingerschen Erfolgsgeschichte. Die Frage, ob das Unternehmen später wieder einmal mit Grund «Lenzlinger Söhne» heissen wird, stellt sich ohnehin noch nicht. Für eine Änderung sehen Lenzlingers Töchter jedoch keinen Anlass: «Wir verwenden das L und das S eher wie ein eingeführtes Logo, und im mündlichen Umgang heisst es schlicht und einfach Lenzlinger.» Was ja auch – in einem Unternehmen des Ausbaugewerbes ist das Bild sicher erlaubt – den Nagel auf den Kopf trifft.