HR Today | 05/2006 | Text: Esther Girsberger
Mit wie vielen Brüdern Frauen auch immer aufgewachsen sind und an wie vielen Fussballspielen mit ihren Schulkollegen sie teilgenommen haben – wenn Frauen es Jahrzehnte später im beruflichen Alltag vor allem mit Männern zu tun haben, helfen diese Vorbereitungen nur bedingt. Vor allem in höheren beruflichen Positionen wird ihnen direkt oder indirekt zu verstehen gegeben, dass in Geschäftsleitungen der biologische Unterschied hinderlich sein kann. Fällen Frauen einen «harten» Entscheid, attestieren ihnen die männlichen Geschäftsleitungsmitglieder, wie ein Mann durchgegriffen zu haben. Legen sie grösseres Gewicht auf «soft factors», haben sie «wie es sich für eine Frau gehört», weich entschieden. Frauen müssen damit leben, dass sie als Frau entscheiden und nicht als Mitglied der Geschäftsleitung.
Heutzutage sehen sich viele Unternehmen bei Kaderlücken aus dem gesellschaftlichen Zwang heraus vermehrt nach einer Frau um – nicht unbedingt nach der Person, welche die zu besetzende Position am besten ausfüllen würde. Ist beides erfüllt – Geschlecht und Qualifikation – ist oft das Geschlecht ausschlaggebender Grund für die Entscheidung. Das ist hinderlich.
Seit den Frauen gleiche Ausbildungschancen geboten werden, fehlt es nicht mehr an bestens qualifizierten weiblichen Führungskräften. Doch ist es die männlich dominierte Unternehmenskultur, die Frauen zögern lässt, ins Top-Management aufsteigen zu wollen. Frauen streben nicht um jeden Preis an die Spitze; sie haben ein viel entspannteres Verhältnis zur Macht als Männer, die aus dem historisch gewachsenen Rollenbild heraus praktisch zu einer Karriere gezwungen werden. Ausserdem zögern Frauen mehr als Männer, weil ihnen die viel gerühmte Work-Life-Balance wichtig ist. 80 Prozent der Top-Kaderfrauen im erwerbstätigen Alter haben zwar keine Kinder. Doch selbst Frauen, die sich gegen Kinder entscheiden, entscheiden sich oft auch gegen eine Karriere. Meist, weil sie keine Lust haben, sich auf männliche Machtspiele oder Macho-Sprüche einzulassen.
Als ich mir von einem Konzernmitglied bei meinen Anstrengungen, ein Ding der Unmöglichkeit doch möglich zu machen, sagen lassen musste, dass «the best not enough» sei, wusste ich, dass ich am falschen Ort bin. Frauen, so meine ich, lassen sich nicht alles bieten, weil sie Alternativen haben: Nicht Nummer Eins oder Nummer Zwei zu sein, dafür als Nummer Drei oder Vier sich selber zu bleiben und sich nicht verbiegen zu müssen. Als ehemalige Chefredaktorin des «Tages-Anzeiger» sass ich auch in der Geschäftsleitung des Tamedia-Konzerns. In dieser Funktion musste ich damals mitentscheiden, ob das hauseigene Privatfernsehen «TV3» lanciert werden sollte oder nicht. Als Chefredaktorin einer Qualitätszeitung für einen TV-Sender zu stimmen, der seichte Unterhaltung bietet und dies auch noch mittels einer Querfinanzierung der Zeitung – diesen Spagat wollte ich nicht machen. Ohne einen wissenschaftlichen Beweis dafür antreten zu können: ich behaupte, Männer sind elastischer, wenn es um finanziell viel versprechende Entscheide geht, die sich nicht unbedingt mit Qualitätsarbeit vereinbaren lassen.